Auf den Spuren der Heiligen

Die Kirche kennt mehr als 6650 Heilige und Selige, die sie bis heute verehrt. Was aber macht die Faszination der Heiligen aus? Es lohnt sich einmal tiefer zu blicken …

Zunächst möchte ich definieren, was ein Heiliger, eine Heilige für mich ist: Es sind Menschen, die den Weg des Glaubens vor uns gegangen sind. Sie haben das höchste Ziel, die Vereinigung mit Gott, die unio mystica erreicht. Die Heiligen werden so zu Glaubensvorbildern, die den Weg bereits erfolgreich bestanden haben. Außerdem haben sie viele authentische, geistliche Erfahrungen mit Gott gemacht, was aus spiritueller Hinsicht sehr interessant sein kann.

In mir kann sich der Wunsch formen: Ja, auch ich möchte gerne auf den Spuren der Heiligen wandeln und selbst ein so erfolgreiches Leben mit Gott führen.

Ich möchte nun einmal brainstormen, was einen Heiligen, eine Heilige ausmacht. Was kann ich für meinen eigenen Übungsweg nutzbar machen?

  1. In Gott verliebt

Was den Heiligen auszeichnet, ist eine intensive Gottesbeziehung. Der Heilige sucht Gott in allen Dingen, ständig. Früh, wenn er aufwacht, richtet sich der erste Gedanke an Gott. Denn allein der Gedanken an Gott ist bereits Gebet.

Der Heilige ist regelrecht vernarrt in Gott. Alles in seinem Leben dreht sich um den Glauben. Wir können also von den Heiligen lernen, eine innige Beziehung zu Gott zu suchen und auch zu pflegen, sodass wir sagen können: Ich gehe den Weg mit Dir, o Gott, in Freud und in Leid.

  1. Meister im Gebet

Die Heilige pflegt das Gebet. Das ist ihre tägliche spirituelle Übung und auch Nahrung, von der ihre Seele neu belebt wird.

Dabei ist das Wortgebet genauso wichtig wie das Gebet in der Stille. Beides gehört zusammen. Man kann nicht sagen, dass das Gebet der Stille wertvoller sei als das Gebet des Wortes. Beides hat seinen Wert und es ist wichtig beides zu pflegen.

Beispielsweise kann ich früh und mittags mit eigenen Worten beten, und dann am Abend, wenn die Welt stiller wird, auch das Gebet der Stille praktizieren (z.B.: das Ruhgebet). Ein gesundes Maß ist hier wichtig, zu wissen, wann die Zeit zum Schweigen, wann die Zeit zum Reden gekommen ist (Pred 3,7).

Die Heilige hat gelernt, ununterbrochen zu beten, nach dem Bibelwort: Betet ohne Unterlass (1 Thess 5,17). Sie wächst jeden Tag ein kleines bisschen mehr im Gebet. Hier ist Geduld gefragt, denn das Reifen im Gebet geht ganz sachte und langsam voran. Die Heilige hat zunächst klein begonnen, so wie wir und hat sich in Geduld gesteigert.

Der Weg zu Gott geht immer über das Gebet. Und die Heilige ist im ständigen Gebet, im ständigen Dialog mit Gott. Gott antwortet der Heiligen. Wie aber antwortet Gott? Gott antwortet in einem Gefühl, in einer Intuition, in einem Impuls, in einer Idee, in einem Gedanken, in einer Inspiration, in einem anderen Menschen, in einem Liedtext, in einem Tier, in einem Kind … Es gibt unzählige Möglichkeiten wie Gott uns begegnet. Wer achtsam und offenherzig durch die Welt geht, der wird diese Antworten Gottes immer mehr erfahren und erleben (Stichwort: Synchronizität)

  1. Ausdauer und unermüdliches Ringen mit Gott

Der Heilige Bruder Klaus hat beharrlich zu Gott gebetet, und das über Jahrzehnte seines Lebens. Er ist immer „drangeblieben“ und ist so immer tiefer in die liebende Beziehung mit Gott hineingewachsen. Er ist in kleinen, beharrlichen Schritten den Weg zu Gott gegangen.

Aber selbst dann kann ich nicht davon ausgehen, dass sich Gott ständig zeigt. Es braucht viel Kraft dranzubleiben und ohne Zweifel muss man mit Frustration rechnen. Hier kann das Bibelwort trösten: Denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende (2 Kor 5,7), denn Gotteserfahrungen bzw. mystische Begnadungen sind nicht das primäre Ziel. Das Ziel ist der Glauben … der Glaube ohne Erwartungen. Es ist fast so: Wenn ich Gott mit aller Gewalt sehen will, verbirgt er sein Antlitz vor mir. Ist es mir egal, ob ich ihn spüre oder nicht, und ich trotzdem bete und glaube, so zeigt er sich plötzlich.

  1. Menschlichkeit und Nächstenliebe

Die Heilige liebt Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ihrem ganzen Denken und mit ihrer ganzen Kraft (vgl. Mk 12,30). Diese Liebe zu Gott, ist immer auch die Liebe zum gottgewordenen Menschen Jesus Christus. Und Jesus fordert uns zum Dienst am Menschen auf. So steht im Markusevangelium: Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele (10,43-45).

Jesus beweist seine Liebe immer wieder. Bei Johannes lesen wir: Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung (13,1).

So kann man sich darin schulen, Jesus in seinem Gegenüber zu sehen und zu erkennen. Das ist eine gedankliche Visualisierungsübung: Den leidenden Jesus, in jedem Menschen zu sehen und für ihn, in seiner Passion, da zu sein. Denn Jesus hat sich an uns verschenkt, aus reiner Liebe und wir sind angehalten diese Liebe Jesu Christi an andere weiterzugeben.

  1. Die Gnade Gottes

Die vier vorherigen Punkte liegen alle in unserer Hand. Wir können uns dazu entscheiden, Gott zu dienen, ihn anzubeten, ihn und die Menschen zu lieben. Doch der fünfte Punkt, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Es gibt in der Theologie eine Debatte: Was ist göttliche Gnade und was ist menschlicher Eifer? Was ist von Gott, was vom Menschen?

Das ist nicht ganz klar. Der erlösungsbedürftige Mensch braucht die Gnade Gottes. Das heißt aber nicht, dass der Mensch sich nicht anstrengen müsste.

Ganz im Gegenteil: Schauen wir doch mal auf Siddharta Gautama, den historischen Buddha. Er hat alles getan, was man spirituell tun kann: stundenlanges Meditieren, Fasten, Askese (menschlicher Eifer). Aber sein finales Erwachen ist auf die Gnade Gottes zurückzuführen.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass alles in meiner Macht liegt. Heute heißt es: Mach das und das, wende diesen Trick an, diese Technik und Du wirst Dich befreien. Dabei wird völlig vergessen, dass es ein zweigliedriger Weg ist: menschlicher Eifer und göttliche Gnade.

Du kannst natürlich alles tun, was es zu tun gilt: Du kannst Kontemplation üben, meditieren, beten und visualisieren. Und Gott will das sogar, das ist meine Überzeugung. Er will, dass wir uns anstrengen, denn ohne Fleiß kein Preis. Wir sollen uns nach mehr ausstrecken, so wie ich es im Artikel Christ und Buddhist? Geht das? beschrieben habe.

Auch ich habe das gemacht. Es gab Zeiten, da habe ich am Tag mehrere Stunden lang Zen-Meditation geübt. Viele Jahre habe ich an Zen-Sesshins teilgenommen, oder war Hausgast an Orten wie zum Beispiel Holzkirchen, Holzinshaus, Eisenbuch und Weiterswiller.

Das ist alles richtig und gut. Aber ich darf nicht vergessen, dass Erleuchtung a) geschieht und b) eine Gnade von Gott ist. Gotteserfahrungen geschehen, das ist nichts was ich mit Willenskraft mache.

Das ist nicht fatalistisch gemeint, denn es liegt auch an unserer Anstrengung. Es ist eher befreiend, oder? Wenn ich weiß, dass ich mich entspannen kann, dass ich ein Beschenkter bin, einer der empfängt, anstatt immer weiter rastlos suchen zu müssen.

Pater Lasalle (1898–1990), deutscher Jesuit und Zen-Meister, beschreibt das so:

Es gibt nun im Christentum den Hinweis, dass der Friede Gottes Geschenk – somit Gnade – sei. Kann also der Friede von Menschen überhaupt hergestellt werden oder ist er immer ein Akt der Gnade? Hier berühren wir einen wichtigen theologischen Punkt. Man kann überhaupt niemals unterscheiden inwieweit etwas eigene Anstrengung ist und wieweit es einem geschenkt wird. Man weiß es nicht genau […] Ich kann vielleicht erkennen: Das ist mir geschenkt. Ich habe das nicht durch eigene Anstrengung erreicht. Dennoch hat der Mensch an der Gnade mitgewirkt. Er kann sie nämlich auch ablehnen […] Gnade allein reicht aber noch nicht. Man muss auch eigene Anstrengung unternehmen […] Der Mensch muss sich bemühen.[1]

Abschließende Worte

Ich hoffe, dass dieser Artikel Dir hilft, auf den Spuren der Heiligen zu wandeln. Heilige sind Erleuchtete, die uns auf dem Weg voraus sind.

Mein Lieblingsheiliger, zu dem ich bereits eine gute Beziehung aufgebaut habe, ist übrigens der Schweizer Nationalheilige Nikolaus von Flüe (1417-1487).

Finde den Heiligen, der zu Dir passt und von dem Du Dich angesprochen fühlst. Ist es Franz von Assisi, Bruder Klaus, oder die Heilige Hildegard von Bingen? Wer auch immer, sie alle haben gemeinsam, dass sie uns als wahre Glaubensvorbilder dienen und uns inspirieren. Also, lass Dich inspirieren!

Quellen:

[1] Enomiya-Lassalle, Hugo: Mein Weg zum Zen, München, Deutschland: Kösel-Verlag, 2018, S. 96

Literatur:

Enomiya-Lassalle, Hugo: Mein Weg zum Zen, München, Deutschland: Kösel-Verlag, 2018