Christ und Buddhist? Geht das?

Heute zeige ich Dir, wie zwei große Weltreligionen in meinem Inneren friedlich nebeneinander bestehen.

Vielleicht kannst auch Du von diesem Beispiel profitieren. Das wünsche ich mir, und schreibe heute vor allem über Religionszugehörigkeit.

Das Glück mit Frau Finke

Bereits zwei Jahre Psychotherapie liegen hinter mir und ich hatte das große Glück, an eine besonders fähige, einfühlsame und auch spirituell-interessierte Therapeutin zu geraten, die ich Frau Finke nennen möchte. Die wöchentlichen Sitzungen haben mein Denken und Fühlen sehr bereichert.

All you need is love

Am Ende der Therapie kam ich zu der Erkenntnis, dass wir alle ein wenig wie Frau Finke werden sollten. Das würde der Gesellschaft wirklich guttun. Welche Charaktereigenschaften hat Frau Finke in sich ausgebildet, dass ich so begeistert an sie zurückdenke? Oder anders gefragt: Was macht denn eine gute Psychotherapeutin aus?

Hier ein paar Punkte: Ein guter Therapeut:

  • hört dem Patienten zu.
  • wertet nicht.
  • schafft einen achtsamen, mitfühlenden Raum, in dem alles mitgeteilt werden kann.
  • lässt den Patienten eigene Theorien aufstellen.
  • stellt sich ganz in den Dienst des Patienten.
  • hilft dem Patienten mit psychotherapeutischen Methoden und Ansätzen (zum Beispiel Hypnotherapie, Gesprächstherapie, Gestalttherapie, EMDR, etc.)

Ich bin so, aber auch so

Heute möchte ich auf einen wichtigen psychotherapeutischen Ansatz genauer eingehen, auf den mich Frau Finke während der Sitzungen gebracht hat: Dem Arbeiten mit inneren Anteilen.

Frau Finke hat mir immer wieder gezeigt, dass ich nie nur so oder so bin. Im Gegenteil: Eine Persönlichkeit besteht aus vielen, verschiedenen, oft sogar gegensätzlichen Persönlichkeits-Anteilen.

Man kann sagen: Da ist Angst in mir. Man kann aber genauso gutsagen: Da ist Mut. Man kann sagen: Da ist Verzweiflung. Genauso gut aber auch: Da ist eine gute Portion Hoffnung. Da ist Hass, aber genauso viel Liebe.

Um es mit der Vier-Temperamenten-Lehre zu sagen: Wir tragen cholerische, sanguinische, melancholische wie auch phlegmatische Anteile in uns.

Wahrscheinlich gibt es niemanden, der die gleiche Zusammensetzung von Stärken und Schwächen hat wie Sie. Die meisten Menschen haben einen deutlichen Schwerpunkt in einem der Temperamente, mit einem weiteren Standbein in einem anderen Temperament und zusätzlich verschiedenen Eigenschaften aus den restlichen beiden.[1]

Ruhe im Saal!

Schulz von Thun (*1944), ein deutscher Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, spricht im letzten Buch seiner Miteinander reden Trilogie vom „inneren Team“. Gunther Schmidt (*1945), deutscher Arzt mit dem Schwerpunkt Psychotherapie spricht von einer „inneren Konferenz“. Man kann auch von „innerem Parlament“ oder „innerer Familie“ sprechen.

Wie in jedem Team, Parlament oder jeder Familie, gibt es auch einen Chef: unser Selbst, unser Persönlichkeitskern. Es führt unsere inneren „Mitarbeiter“ und ist für die reibungslose Zusammenarbeit verantwortlich.

Wenn sich Jesus und Buddha treffen

Wieder gilt: Ich schenke Dir eine Inspiration. Du musst nichts glauben, sondern lass Dich einfach inspirieren und bilde Dir Deine Meinung.

Bei mir persönlich schaut es spirituell so aus: Ich bin Christ und ich bin Buddhist.

Psychotherapeutisch formuliert: Ich habe buddhistische Anteile und christliche Anteile in mir.

Was sagen sie dir?

Du kannst nun diese Anteile zum Sprechen bringen. Lausche in Dich hinein, nimm Deinen Laptop zur Hand und lasse Deine Finger über die Tastatur gleiten. Schreibe alles auf, was Dir in den Sinn kommt. Es geht darum, am Anfang – wenn du noch nicht in dieser Methode des freien, kreativen Schreibens geübt bist – anzunehmen, zu spekulieren, was denn dieser Teil von Dir sagen könnte.

Also, was könnte denn der innere Buddhist zu Dir sagen?

In meinem Fall sagt er: „Strecke Dich nach Mehr aus! Praktiziere eine Methode. Strebe immer weiter nach Erleuchtung, nach Samadhi (indisch), nach Satori (japanisch). Arbeite an deiner Befreiung, damit du ins Nirvana eingehen kannst, einem Zustand, frei von jeglichem Leid, wie auch Befreiung aus Samsara, dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt.“

Das, was mir der buddhistische Anteil sagt, wertschätze ich als immense Weisheit, auch wenn ich weiß, dass es sehr anstrengend sein kann, was er sagt. Hier kommt mein innerer Christ ins Spiel. Was sagt dieser? Wieder lasse ich die Finger über die Tastatur gleiten und brainstorme:

„Du musst überhaupt nichts erreichen. Denn es gibt nichts zu erreichen, außer eine lebendige Beziehung mit Gott zu pflegen. Gott möchte mit Dir eine Beziehung eingehen, und alles, was Du dafür tun musst, ist zu glauben, zu vertrauen, und zu Gott, Deinem Vater beten. Er wird dir alles geben, um was Du ihn bittest.“

Siehst Du, worauf ich hinaus möchte? Beide Anteile sind gut und wichtig. Beide ergänzen sich und dürfen fühlen, wie sie fühlen. Denn der Buddhist lehrt dem Christen, dass er sich getrost nach mehr ausstrecken kann (Satori), dass er sein innewohnendes Potenzial entfaltet, dass er täglich eine Meditationsroutine einübt, dass er sich selbst vertrauen lernt.

Der Erfolg des Buddhismus

Hier eine Erklärung, warum sich mehr und mehr Christen für den Buddhismus begeistern:

Die Menschen unserer Zeit interessieren weniger die philosophischen und theologischen Theorien, sondern die praktischen Anleitungen, wie man sein Leben vertiefen kann, wie man wieder religiös wird. Hier füllt [beispielsweise] Zen eine Lücke, die im praktizierten Christentum klafft, bedingt durch die Einseitigkeit der rationalen westlichen Geisteskultur, insbesondere der Theologie.[2]

Im Buddhismus gehört eine Gebetsübung, eine Meditationspraxis, die viele Menschen in ihrem christlichen Leben vermissen, zum Alltag. Zudem ist das Konzept der Erleuchtung für viele Menschen inspirierend und befreiend. Auch der Jesuitenpater und Zen-Meister Hugo Makibi Enomiya-Lasalle (1998–1990) beschreibt:

Erleuchtete als Personen, in denen sich unerschütterliche Ruhe, innere Sicherheit, Furchtlosigkeit und Dankbarkeit mit sprühender Vitalität verbinden. Es ist das Ende aller Entfremdung und damit aller Angst, Not und Zerrissenheit. Alle Zweifel und alle Unsicherheiten sind einer beglückenden Gewissheit gewichen.[3]

Der Christ muss sich nicht verstecken!

Mit Sicherheit hat auch der Christ – bei aller Weisheit der Buddhisten – etwas Wichtiges zu sagen. Der Christ lehrt dem Buddhisten, auch mal einfach nur zu sein, ohne stete, regelmäßige Praxis. Der Buddhist muss sich von seinem Ehrgeiz befreien, unbedingt Freiheit von Samsara erreichen zu wollen. Und vor allem eines: Demütig zu erkennen, dass wir uns niemals selbst erlösen können. Dafür brauchen wir die Gnade Gottes. Befreiung ist ein Gnadengeschenk, keine eigene Errungenschaft. So spricht Paulus: „Durch Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin …“ (1 Kor 15,10). Erleuchtung geschieht, denn nur wenn es uns Gott erkennen lässt, erst dann können wir es erkennen (vgl. Jer 11,18). Wir können „Gipfelerfahrungen“ nicht erzwingen.

Beide ergänzen sich

Zusammenfassend kann man sagen: der eine Teil sagt: Streng Dich an! Der andere Teil sagt: Entspanne Dich! Der eine Teil sagt: Praktiziere! Arbeite an dir! Der andere Teil sagt: Ruhe Dich aus! Gott ist da. Er hilft dir. Du musst nicht an Deiner Erleuchtung „arbeiten“. Habe den Mut eine Beziehung mit Gott einzugehen. Alleine, ohne Gott, wirst du die große Befreiung nicht erreichen.

Eine vielversprechende Symbiose

Was ich zeigen möchte: beide Stimmen sind wichtig. Es ist wunderschön, sowohl christliche als auch buddhistische Anteile in sich zu tragen. Sie machen das Glaubensleben sehr spannend, und die Erfahrungswelt weit.

Ein Christ, auf dem Weg zu Satori?

Ich persönlich bin ein Christ, der nach der “unio mystica”, also nach der Einheit mit Gott, strebt. Allerdings suche ich nicht nach einer apersonalen Kraft wie das Dao oder das Shunyata, sondern nach dem personalen, christlichen Gott, JAHWEH. Hier habe ich über die zwei Gottesbilder, personal und apersonal, geschrieben.

In diesen beiden Gottesbildern unterscheiden sich christliche und asiatische Mystik. Alois Prinz, drückt das in seiner Biografie über Teresa von Ávila so aus:

Die Entdeckung, die Teresa machte, war die, dass Gott nicht ein Prinzip ist oder eine abstrakte Macht, sondern Person, und dass sie mit ihm nur in ein Gespräch treten kann, wenn sie selbst als Person auftritt. Das ist eine ganz andere Vorstellung als in bestimmten Formen der asiatischen Mystik, wo Gott als etwas Umgreifendes verstanden wird, und es für den einzelnen Menschen darauf ankommt, sein Ich in dieses Umfassende aufzulösen wie einen Tropfen im Meer oder wie eine Schneeflocke im Schneesturm. Bei Teresa gibt es eine solche Auflösung nicht. Im Gegenteil, ihr Gott ist Person, und die Art und Weise, ihn zu erfahren, ist das Gespräch, der Dialog zwischen Gott und Mensch, zwischen Ich und Du.[4]

Voneinander lernen

Ich bin mir sicher: auch Du trägst den Buddhismus, wie das Christentum in Dir. Und es kann spirituell erhebend sein, beide Religionen zu pflegen. Das eine schließt das andere nicht aus. Beide ergänzen einander wundervoll und ich kann bezeugen, dass mich die Integration von Jesus und Buddha vollständiger gemacht hat. Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen hat meine Spiritualität auf jeden Fall bereichert.

Alle Wege führen nach Rom

Ich hoffe, ich habe Dich inspirieren können, mal über den Tellerrand hinauszuschauen, und vielleicht ist etwas dabei, was für Dich wertvoll ist. Auch Du kannst mit Deinen unterschiedlichen Anteilen reden.  Vielleicht tanzt Du den Tanz der Derwische und sehnst dich montags bereits nach der Eucharistie in der Sonntagskirche. Vielleicht liebst du das Qi-Gong, studierst das Daodejing und verpasst kein Freitagsgebet, wenn der Imam ruft. Vielleicht schätzt Du den Tanach und rezitierst abends beim Meditieren das Mantra Om Namah Shivaya.

Wie auch immer. Spüre die religiösen Anteile in Dir auf und trete mit ihnen in einen lebendigen Dialog!

Bis dahin wünsche ich Dir eine befriedigende, wie auch befreiende Gebetspraxis, die Deinen Geist wahrlich erhebt und Dich zutiefst glücklich macht.

Wir sehen uns im nächsten Artikel wieder. Bis dahin!

Foto: Pam Williams/Pexels.com

Quellen:

[1]Littauer, Florence: Einfach typisch!: Die vier Temperamente unter der Lupe, 29. Aufl., Asslar, Deutschland: GerthMedien, 2019, S. 165

[2] Kreppold, Guido: Nachfolge, 1. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2010, S. 66-67

[3]Vgl. Kreppold, 2010, S. 63.

[4] Prinz, Alois: Teresa von Ávila: Die Biografie, 2. Aufl., Berlin, Deutschland: Insel Verlag, 2017, S. 61-62.

Literaturverzeichnis:

Kreppold, Guido: Nachfolge, 1. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2010.

Littauer, Florence: Einfach typisch!: Die vier Temperamente unter der Lupe, 29. Aufl., Asslar, Deutschland: GerthMedien, 2019.

Prinz, Alois: Teresa von Ávila: Die Biographie, 2. Aufl., Berlin, Deutschland: Insel Verlag, 2017.