Die Kirche hat ein Schattenproblem

Die Kirche blickt nicht gerade auf eine goldene Vergangenheit: Kreuzzüge, Ablasshandel, “Hexenjagd”, Stilles Dulden des Holocausts, und jüngst Missbrauchsskandale und veruntreute Kirchengelder.

Und das, obwohl die Kirche mit bestem Gewissen, das Böse in der Welt bekämpft und sich zu Christus bekennt. Das sagt sie zumindest von sich selbst und jeder Papst würde leidenschaftlich bestätigen: „Ja, wir sind Diener Christi!“

Aber wie viele, die sich Christen nannten und nennen haben über Jahrhunderte hinweg Schrecklichstes getan und tun es immer noch? Dabei sind sie der Meinung: „Das Böse ist der Teufel und der muss blutrünstig bekämpft werden!“

Doch unweigerlich erschafft der Kampf gegen etwas, nie den Frieden. Der Kampf gegen das Böse, beschwört es erst herauf.

Ein Phänomen, das uns als Menschen nur zu gut bekannt ist, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Wie kann das geschehen? Was steckt dahinter?

Das Schattenkonzept von C.G. Jung

Der Schweizer Psychiater C.G. Jung (1875–1961) entwickelte das Konzept des Schattens. Es besagt,

dass wir Menschen uns gern etwas schöner präsentieren, als wir sind, dass wir in unserer Selbstdarstellung unserem Ideal von uns selbst, aber auch dem Ideal unserer Mitmenschen genügen wollen. Das bedeutet nun aber, dass wir immer auch Seiten haben, die wir nicht zeigen, die wir auch selbst nicht wahrhaben wollen. Alle diejenigen Seiten, die wir an uns nicht akzeptieren könne, weil sie unserem Ideal von uns nicht entsprechen, werden Schattenanteile genannt.[1]

Was ist der Schatten?

In allen Kulturen ist der Schatten gegenwärtig. Er ist unteranderem als dunkler Zwilling, Doppelgänger, dunkle Seite oder auch als das Es (Sigmund Freud) bekannt. Psychotherapeuten sprechen seit Jung einfach vom Schatten.[2]

Der Schatten und sein Schatz

Siegfried kämpft gegen den Drachen Fafner und ein Bad im Blut des Ungetüms macht ihn unverwundbar. Gilgamesch besiegt seinen dunklen Bruder Enkidu, der daraufhin zu seinem engsten Verbündeten wird. In der Mythologie ist Pluto der Herr der Unterwelt, wie auch der Herr des Reichtums und der Schätze. Christus musste in das Reich der Toten hinabfahren, bevor er am dritten Tag auferstand. Mit der Wintersonnwende feiern wir zur Zeit des kürzesten Tages – wenn das Licht am schwächsten ist – die Geburt Jesu Christi, dem Licht der Welt. Auch bei der Lotosblume finden wir das Symbol: aus dem größten Schmutz, dem Schlamm des Teiches, erblüht der tausendblättrige Lotos, im Buddhismus Sinnbild der Erleuchtung.[3]

All diese Beispiele zeigen, dass der dunkelste Schatten als Potenzial hellstes Licht in sich trägt, wenn er integriert ist.

Der Schatten im Märchen

In den Märchen geht es um ein Ringen mit Schattengestalten (Rumpelstilzchen, der Froschkönig, der böse Wolf bei Rotkäppchen). Sie stehen für unsere Schattenanteile. Im Märchen müssen sie besiegt werden, in unserer Welt integriert.

Die Märchen machen es deutlich: Prinzen und Prinzessinnen werden von Schattengestalten verwünscht und in hässliche Gestalten verwandelt. Sie bleiben solange in ihrem abstoßenden Körper gefangen, bis die Liebe sie erlöst. Jemand muss hinter ihre Fassade ihr edles, liebenswertes Wesen erkennen und sie trotz ihrer Hässlichkeit lieben.[4]

Da diese Figuren uns selbst meinen, handelt es sich bei der Liebe im Märchen um Selbst- oder Eigenliebe.

Wenn wir den Schatten mit Liebe durchleuchten, dient er uns und macht uns ganz.

Projektion

Wir Menschen laufen immer wieder Gefahr, Eigenes, in das Außen zu projizieren. Das, was wir an Idolen bewundern ist ein Spiegel unserer selbst, unserer eigenen positiven Eigenschaften. Was wir ablehnen und verurteilen gibt Hinweise auf eigene Schattenanteile. Als Christen sind wir sehr schnell im Urteilen: „Das ist sündhaft! Das ist Sünde!“ Doch was ich so bei meinen Mitmenschen als schlecht und böse brandmarke, hat sehr wohl mit mir selbst zu tun. Die Schwierigkeiten des Alltags können ein Spiegel meines Innenlebens sein und erzählen immer etwas über mich.

Das Ziel der Schattentherapie

Es ist wichtig, eigene Projektionen als persönlichen Schatten zu erkennen, die Projektion zurückzunehmen und Verantwortung zu übernehmen statt Schuld zuweisen.

Rüdiger Dahlke, deutscher Arzt, Autor und Seminarbegleiter, schreibt in seinem Buch „Das Schattenprinzip”:

Das ist das Geheimnis jeder Projektion: Sie wirkt wahr und echt, ohne es tatsächlich zu sein. Projektion ist sicher der mit Abstand am weitesten verbreiteten Wahn. Die Betroffenen spinnen sich völlig in die eigene erfundene, zusammengereimte Wirklichkeit ein. Sie wirken wie in einen Kokon aus Rationalisierungen und Pseudobegründungen eingesponnen. Auch jeder andere Wahn wirkt für den Wahn-sinnigen wahr und echt. Es kann in krassen Fällen lange dauern, bis er wirklich durchschaut wird.[5]

Und selbst wenn der störende Arbeitskollege, der Rivale, der Erzfeind entlassen werden würde, wäre das Problem zwar erst einmal beseitigt, doch wird das Feindbild bald auf jemanden anderen übertragen. Das ist nur eine Frage der Zeit.[6]

Wo die Reise hingeht

Es geht also nicht darum, dunkle Seiten auszulöschen und wegzudrängen, sondern im Gegenteil, sie zunächst herzuholen, die positiven Aspekte anzunehmen und dann schließlich in die eigene Persönlichkeit zu integrieren.[7]

Wer erkennt, dass er alles in sich hat, was er in anderen sieht und kritisiert – zwar nicht in jeder Form, aber grundsätzlich – dessen Sicht der Welt und Selbstbild verändern sich radikal. Daraus könnten wir lernen, uns sein zu lassen, wie wir sind. Denn alles, was wir in uns nicht sein lassen, lässt uns nicht sein und nicht los. Umso besser wir das lernen, desto leichter können wir auch andere sein lassen, und unser Leben darf geschehen.[8]

Dem Schatten auf der Spur

Achte darauf, was Dich im Außen aufregt. Was liebst Du an Deinen Idolen und Vorbildern? Welche Filme schaust Du am liebsten? Wie reagierst Du auf die Nachrichten? Was hältst Du von Lobbyisten, von Amokläufern, oder korrupten Politikern. Über welche Witze lachst Du am Lautesten? Welche Tagträume spuken Dir im Kopf herum? Was sagt Dein Freundeskreis über Dich aus? Was kritisierst Du an deinen Mitmenschen? Welchen Beruf gehst Du nach? Welches Literaturgenre lässt Dein Herz höherschlagen?

Sei achtsam für Dich und Du wirst mehr und mehr Schatten aufspüren.

Wenn Du über ein Thema überhaupt nicht lachen können und versteinert reagieren, könnte es auf ein Tabu und folglich tiefen Schatten hinweisen. Lediglich entspanntes Desinteresse oder höfliches Lachen zeigen fehlende Resonanz und damit Schattenfreiheit.[9]

Was Du integrierst, wird sich nie wieder gegen Dich wenden

Wer gegen den Schatten kämpft, wird von ihm überwältigt. Wer ihn mit liebender Güte umsorgt, dem zeigt er sich als hellstes Licht.

Denn das, was Du integriert hast, wird sich im Außen nie wieder gegen Dich richten. Es ist also kein Kampf gegen das Böse notwendig. Es wäre doch umsonst, denn auf dieser Erde braucht das Licht als Gegensatz die Nacht.

Ein Kampf gegen sich selbst, hat noch niemanden geholfen. Nur wer sich akzeptieren kann, ist auf einem guten Weg der Reife (C.G. Jung nennt den Entwicklungsprozess eines Menschen übrigens Individuation).

Das Mindset der Psychotherapie

Der psychotherapeutische Ansatz ist bei der Heilung unumgänglich. Falls nötig hole Dir Hilfe bei einem guten Psychotherapeuten, denn Psychotherapie ist nie nur für Kranke oder wie es Irving Polster ausdrückt: „Psychotherapie [ist] viel zu schade, um Kranken vorbehalten zu bleiben.“[10]

Im Artikel “Christ und Buddhist? Geht das?” habe ich kurz beschrieben, was der psychotherapeutische Ansatz – angewandt im Bereich der Religion – für mich bedeutet.

Was würde Jesus sagen?

Das Christentum konnte seinem Auftrag als Religion der Liebe bis heute keineswegs gerecht werden. Die Botschaft Christi wurde mit Gewalt auferzwungen. Katholische Missionare sind den nord- und südamerikanischen Völkern keinesfalls wertschätzend und wohlwollend begegnet. Für die Christen waren es Wilde, Barbaren, die ums Feuer tanzten. Ihre Seelen mussten um jeden Preis durch die Taufe vor dem Fegefeuer gerettet werden.

Eine Konvertierung zum Christentum hat nicht freiwillig stattgefunden, sondern war erzwungen. Die Christen hätten jedoch viel lernen können, wenn sie bereit gewesen wären, sich von den Natives führen zu lassen: Diese liebten Mutter Erde, wussten um Heilpflanzen und Heilkräuter, kontaktierten die geistige Welt und wertschätzten die Tiere und die ganze Schöpfung.

Doch die Missionare waren zu keinen Kompromissen bereit. Sie traten die Würde der Natives mit Füßen. Und das im Namen Jesu Christi! Viel schlimmer hätte man den Auftrag Christi nicht missdeuten können. Gestern habe ich eine erschütternde Doku auf ARTE gesehen, die aufklärt, welche Verbrechen christliche Missionare den First Nations angetan haben.

Ich habe dazu eine Kurzgeschichte geschrieben, die einen Jesus zeigt, der wegen seiner fanatischen Anhänger mit sich ringt.

Es führt kein Weg dran vorbei!

Ich hoffe, das Konzept des Schattens ist Dir behilflich, so wie es mir hilft. Auch hoffe ich, dass wir Christen den Mut aufbringen unseren Schatten zu erkennen, statt ihn zu leugnen und ihn in gefährlicher Selbsttäuschung und Scheinheiligkeit in der Welt zu bekämpfen.

Nur wenn wir Christen den Schatten integrieren, können wir wahrlich christliche Werte authentisch leben und für sie einstehen. Lebendige, vitale, tolerante und integrale Christen sind das beste Aushängeschild für ein Christentum von morgen. Nicht das, was ich glaube, zu sein ist relevant, sondern das, was ich bin und ausstrahle.

Ich wünsche der Kirche Einsicht und Selbstreflexion! Dass sie ihren eigenen Schatten nicht länger leugnet, vertuscht oder gar einem Teufel in die Schuhe schiebt.

Die Kirche muss den Prozess der Aufarbeitung endlich angehen. Viele Seelen von Gestern und Heute wurden schrecklich verletzt und verwundet. Solange die Kirche das leugnet und übergeht, hoffen die übrig gebliebenen Christen vergeblich auf Reformen, die so dringend notwendig sind!

Ich hoffe Du kannst etwas mitnehmen! Der Schatten sollte uns also keine Angst machen, sondern er ist die Initialzündung für ein besseres Leben.

Lass Dich inspirieren!

Foto: icosha/Shutterstock.com

Quellen:

[1] Kast, Verena: Die Tiefenpsychologie nach C.G. Jung: Eine praktische Orientierungshilfe, 3. Aufl., Ostfildern, Deutschland: Patmos Verlag, 2017, S. 23.

[2] Vgl. Dahlke, Ruediger: Das Schattenprinzip: Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite, 6., München, Deutschland: Arkana, 2010, S. 23.

[3] Vgl. Dahlke, 2010, S. 23, S. 29, S. 47.

[4] Vgl. Dahlke, 2010, S. 145

[5] Dahlke, 2010, S. 97.

[6] Vgl. ebd. S. 98.

[7] Vgl. Dahlke, 2010, S. 23.

[8] Ebd. S. 261-262

[9] Dahlke, 2010, S. 248.

[10] Irving Polster, zitiert nach Ruediger Dahlke, 2010, S. 265

Literaturverzeichnis

Dahlke, Ruediger: Das Schattenprinzip: Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite, 6. Aufl., München, Deutschland: Arkana, 2010.

Kast, Verena: Die Tiefenpsychologie nach C.G. Jung: Eine praktische Orientierungshilfe, 3. Aufl., Ostfildern, Deutschland: Patmos Verlag, 2017.