Jahwe und Shunyata: zwei gegensätzliche Gottesbilder?

Lange Zeit habe ich mit dem Gottesbild aus West und Ost gerungen, genauer gesagt mit den etablierten Konzepten eines personalen oder apersonalen Gottes. Wie kann beides zusammenpassen?

Wie kann es sein, dass Menschen aus der asiatischen Tradition fest behaupten können: Da gibt es eine nebulöse Kraft mit nicht-personalen Zügen, die nichts mit Glauben zu tun hat, die weder männlich noch weiblich ist, weder gut noch böse. Eine Kraft, die eigenschaftslos alles durchdringt.

Wir im Westen glauben so ziemlich genau das Gegenteil: nämlich, dass Gott ein Du ist, das uns als Person gegenübertritt, mit personalen Zügen, was so viel heißt: Gott kennt Gedanken und besitzt ein Herz. Zum Wesen Gottes später mehr.

Zwei Juwelen christlicher Spiritualität

Ich möchte diese zwei Denkweisen mit zwei außergewöhnlichen Menschen personifizieren. Das ist zum einen der bereits verstorbene Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger (1925–2020), und der weltbekannte Benediktiner Anselm Grün (*1945). Beide gehören zu der Klostergemeinschaft der Benediktiner in Münsterschwarzach.

Christliche und asiatische Mystik sind nicht identisch

Das Buch „Das Geheimnis jenseits aller Wege. Was uns eint, was uns trennt”, gibt beiden Mönchen ein Sprachrohr. So berichtet im ersten Teil des Buches, Willigis Jäger, über seinen Lebensweg, die Zeit im Nationalsozialismus, seine Berufung zum Priester, und schließlich über sein Verständnis von Gott und Mystik.

Der Leser erfährt, dass Willigis in der mystischen Tradition von Ost und West stehe. Immer wieder spricht er davon, dass die Erfahrungen der christlichen Mystiker mit dem Zen-Weg übereinstimmen. Beide Wege, Ost und West seien gleichzusetzen.

Der Denkfehler

Es gibt jedoch einen klaren Unterschied zwischen christlicher und asiatischer Mystik, so wie am Anfang bereits geschrieben. Die einen glauben und erfahren einen personalen Gott, die anderen eine apersonale Gottheit, wie das Dao (Taoismus) oder das Shunyata (Buddhismus).

Es mag sein, dass christliche und asiatische Mystik Ähnlichkeiten aufweisen, aber dennoch sind sie unterschiedlich. Willigis ist hier nicht differenziert genug. So zitiert er immer wieder Ignatius von Loyola, Theresa von Ávila und Johannes vom Kreuz, die allesamt völlig überzeugte Christen waren. Das vergisst Willigis und stellt die christliche Erfahrungswelt der asiatischen Mystik gleich.

Wichtig: Ich sage nicht, dass der eine oder andere Weg richtiger oder falscher sei! Dazu gleich mehr, wenn ich zu der Lösung des Problems unterschiedlicher Gottesbilder komme.

Ein außergewöhnlicher Mensch

Willigis habe ich im Übrigen bei vielen Sesshins am Benediktushof von 2009 bis 2016 kennenlernen dürfen. Dabei bin auch heute noch von seiner Persönlichkeit fasziniert. Er war ein in sich gesammelter und ruhiger Mensch, der eine große Liebe ausgestrahlt hat. Trotz seiner mystischen Erkenntnisse – die ihn in den Stand eines Weisen und Erleuchteten hoben – war er immer demütig und bodenständig. Nie abgehoben oder extravagant. Vollkommen schlicht kam er daher und jede seiner Bewegungen war von Ruhe gekennzeichnet. Er war definitiv ein Menschenfreund. Etwas Geheimnisvolles umgab ihn, so als habe er etwas wichtiges erkannt, das nicht durch Worte überliefert werden kann. Wahrscheinlich wusste er, dass die letztendliche Wahrheit – die Willigis unweigerlich entdeckt zu haben schien – nicht in Worte zu fassen ist. Ich bin nach wie vor von diesem Menschen Willigis Jäger sehr fasziniert.

Und trotzdem Kritik?

Willigis hat das Zen aus seinem traditionellen Kontext gehoben. Er folgte der Sanbo-Kyodan Schule, die ein Zen lehrt, das ohne viel Rezitation, oder Traditionellem daherkommt. Am Benediktushof bin ich 2009 mit dem Zen – wie es Willigis Jäger verstand und lehrte – in Berührung gekommen. Hier habe ich von meinem Weg zum Zen geschrieben.

In dem Buch, “Das Geheimnis jenseits aller Wege” sagt Willigis über Zen:

Es gibt kein buddhistisches Zen und auch kein christliches Zen […] Zen selbst jedoch bleibt von der Religion unberührt. Daher ist es mein Anliegen, Zen von der religiösen Tradition des Buddhismus und auch des Christentums zu befreien und seinem Ursprung zurückzuführen.[1]

Ich bin anderer Meinung. Das Zen hat viel mit dem Buddhismus zu tun, auch wenn es den Anschein hat, losgelöst von ihm existieren zu können. Persönlich habe ich das Zen, das für mich passt, in Weiterswiller, Frankreich im Ryumon Ji als Soto Zen Tradition entdeckt.

Finde den Weg, der zu Dir passt

Wenn du einen spirituellen Weg gehen willst und Dir auf diesem Blog Anregungen holst, dann wähle einen Weg, der zu Dir passt. Dennoch ist es möglich, sich von zwei Religionen inspirieren zu lassen. Bei mir harmonieren Buddhismus und Christentum. Hier erfährst du wie ich beide Seiten integriere.

Ohne Tradition – kein Zen

Ob tibetischer Buddhismus oder Soto Zen, ohne Tradition stirbt die Meditation und man läuft Gefahr nur habherzig bei der Sache zu sein und keinen Weg bis zum Ende zu gehen. Man gräbt nach Wasser, erreicht aber nie die Quelle, weil man keinen Weg wirklich erlernt hat.

Zen mag eine transpersonale Erfahrung, ungebunden an Zeit und Raum, sein, dennoch ist es ein Fehler Zen aus seiner buddhistischen Tradition zu entbinden. Da war Willigis jedoch anderer Meinung.

Nicht dasselbe

Für den christlichen Mystiker – ob nun Meister Eckhart oder Johannes vom Kreuz – gibt es immer die Vorstellung von einem personalen Gott, mit Gedanken und einem Herz. Das hat Willigis nicht vermittelt.

Eine Einsicht, die es in sich hat

Ich möchte Dir nun einen Text vorstellen, der es echt in sich hat. Gestern bin ich über die Zeilen in der Bhagavad Gita gestoßen, die mir einen sensationellen Einblick in die Problematik zwischen personalem und apersonalem Gottesbild gewährt hat. So heißt es im 12. Kapitel Vers 2-5:

Ich finde an beiden  Pfaden Gefallen, aber zu diesem Zeitpunkt, Arjuna, ist es am besten für dich, die göttliche Gnade, die du sehen kannst, zu verehren. Wenn du dein Herz unentwegt auf den sichtbaren Aspekt von mir ausrichtest und dabei von Hingabe und Glaube durchtränkt bist, wird dich dies rasch und sicher zu mir, der Gottheit führen.
Was jene betrifft, die den Gott ohne Gestalt oder Namen verehren – wenn sie wirklich ihre Sinne zähmen, ein ruhiges Gemüt bewahren und für das Wohl aller Wesen wirken – können sie gleichfalls zu mir gelangen. Aber seid dir im Klaren, Arjuna, dass der gestaltlose Gott nicht nur unsichtbar, sondern vollkommen eigenschaftslos und unbestimmbar ist. Die Sinne haben daher keinen Zugang zu ihm, es gibt nichts, mit dem man ihn vergleichen kann.
Verehrer der gestaltlosen Gottheit haben einen steileren Aufstieg. Einem in physischer Gestalt existierenden Menschen fällt es äußerst schwer, das Gestaltlose wirklich zu begreifen. Gewöhnliche Menschen identifizieren sich mit ihrem eigenen physischen Körper und müssen sich Gott als gleichfalls in irgendeiner Art Körper existierend vorstellen. Um den gestaltlosen Gott innig lieben zu können, muss man vom Körperbewusstsein frei sein, und dieser Zustand ist nicht von vielen erreichbar.[2]

Wow, was für ein Text! Ich weiß nicht, wie es Dir ergeht, aber bei mir schlägt er voll ein!

Es gibt also einen gestalthaften Gott und einen gestaltlosen. Beides sind zwei Aspekte des einen Gottes. Wie bei einer Münze sind es zwei Seiten, aber dennoch bleibt die Münze ein und dieselbe! Ist das nicht befriedigend? Als Verehrer des gestalthaften Gottes müssen wir nicht im Kampf gegen die Verehrer des gestaltlosen Gottes sein. Vielleicht zeigt sich Gott einmal so, und ein andermal so. Für die einen im Dao, für die anderen in Jahwe.

Auch der personale Gott bleibt ein Geheimnis

Selbst wenn Gott für uns Christen personale Züge aufweiset, und der Anschein vermittelt wird, als wüsste man wer Gott sei, bleibt dieser Gott immer noch ein nicht fassbares Mysterium. Ein personaler, unendlicher Schöpfer ist trotz seiner „Person“ ein nicht greifbares Geheimnis.

Anselm Grün schreibt:

Natürlich ist Gott auf andere Weise Person als ein konkreter Mensch […] Er ist Schöpfer, der die ganze Welt erschaffen hat […] Ich kann Gott nur in Gegensätzen beschreiben. Gott ist in mir und außerhalb von mir. Er ist der Schöpfer, vor dem ich niederfalle, und der Vater, der mir den Rücken stärkt, die Mutter die mir Geborgenheit schenkt. Und Gott ist hinter all diesen Bildern das Du, das mich anspricht […] Dann erahne ich, dass Gott nicht nur Energie [apersonal] ist, sondern ein Du, das mich anspricht […] Aber bei all diesen Bildern weiß ich immer, dass Gott jenseits aller Bilder ist […] Ohne diese Bilder könnte ich von Gott gar nichts sagen. Aber ich weiß, dass ich von Gott nicht nur sprechen darf und muss, sondern dass ich zugleich immer wieder auch von ihm schweigen muss, um sein unbegreifliches Geheimnis zu respektieren.[3]

Das heißt also: Auch der personale Gott im Christentum, ist bei weitem nicht festgelegt auf eine Person, so wie das bei uns Menschen der Fall ist. Gott bleibt unnahbar und trotz aller theologischen Konzepten ein Mysterium.

Wer ist Gott für mich?

Gott ist für mich Geist. Er durchdringt alles, kann an jedem Ort des Universums sein, hat in alles den Einblick: in unseren Körper, in jede Zelle. Er kennt jedes Lebewesen im Weltall, vom kleinsten Mikroorganismus, bis hin zum größten Stern. Er hat Gedanken und Gefühle, trägt jedes Lebewesen in seinem Herzen. Zu jeder Zeit weiß er, was auf der Erde und anderen Planeten geschieht. Deine und meine Geschichte ist ihm bekannt, von Anfang bis Ende, von Geburt bis Tod. Die Menschen liebt er bedingungslos. Er ist die höchste Intelligenz des Kosmos, weiß alles, was im Voraus geschehen wird. Kein Supercomputer kann seine Intelligenz toppen. Dabei ist er voller Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Er ist das letzte wirkliche Ziel eines jeden Lebewesens, ihn zu erkennen, ist die größte Freude, die einem Menschen zuteilwerden kann. Gott zeigt sich, wenn man ihn im Gebet darum bittet.

Erleuchtung als Christ

Erleuchtung im christlichen Sinne heißt, diesen Gott ununterbrochen zu spüren, niemals mehr alleine zu sein und ihn als steten Begleiter im Leben mit dabei zu haben. Es sind zwar noch immer zwei verschiedene Wesen, nämlich Geschöpf und Schöpfer, aber sie sind so sehr verbunden, dass man glauben kann: Gott ist näher als der eigene Atem.

Gott ist da!

Gott kann uns in wirklich allem begegnen: in einem Buchzitat, in einer anderen Person, das was wir in der Stadt an Wortfetzen aufschnappen, in einer inneren Inspiration, in einem nächtlichen Traum, in einer Sehnsucht, oder vielleicht auch in einem Tier. Alles kann ein Zeichen der liebenden und weisen Gegenwart Gottes sein. Wer einmal darin eintaucht, und jene Transzendenz selbst erfahren hat, der möchte niemals mehr ein Leben ohne Gott leben. Das Leben als Christ – so wie ich es verstehe und auf meinem Blog schildere – ist die höchste Freude, die ein menschliches Herz nur kennen kann.

Kein alter Mann mit Bart

Du siehst also: Das Bild, das ich von Gott habe, ist umfassend und komplex. Es meint nicht einen alten Mann, der strafend alles notiert, was wir Menschen auf der Erde so „Sündhaftes“ treiben.

Ein neues Gottesbild

Vielleicht hilft Dir mein Gottesverständnis, sodass Du Dir ein neues Bild von Gott machst. Der heutige Artikel war vielleicht für Dich anstrengend, oder aber auch sehr informativ. Was ich übermitteln will: Der gestaltlose Gott und der gestalthafte Gott sind zwei Seiten einer Medaille. Es braucht keinen Kampf unter den Religionen wer recht hat. Oft haben alle Recht und es ist an uns, diese „Wahrheiten” in unser Weltbild zu integrieren.

Wer ist Gott für Dich? Es lohnt sich auf jeden Fall darüber nachzudenken. Denn viele wissen gar nicht, an was sie überhaupt glauben. Dieser Artikel soll eine Quelle der Inspiration sein.

Erfahre selbst! Prüfe alles! Lass Dich inspirieren!

Foto: beachlane/Shutterstock.com

Quellen:

[1] Grün, Anselm/Willigis Jäger: Das Geheimnis jenseits aller Wege: Was uns eint, was uns trennt, 2. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2014, S. 51.

[2] Hawley, Jack: Bhagavad Gita: Eine zeitgemäße Version für westliche Leser, 14. Aufl., München, Deutschland: Goldmann, 2002, S. 157-158.

[3] Vgl. Grün/Jäger, 2014, S. 100-101.

Literaturverzeichnis:

Grün, Anselm/Willigis Jäger: Das Geheimnis jenseits aller Wege: Was uns eint, was uns trennt, 2. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2014.

Hawley, Jack: Bhagavad Gita: Eine zeitgemäße Version für westliche Leser, 14. Aufl., München, Deutschland: Goldmann, 2002.