Jesus aber schwieg

Es kommt anders als gedacht

Neulich war ich mit einem Freund spazieren. Ein Mensch, den ich für seine Sensibilität sehr schätze. Zunächst unterhielten wir uns nett und das Gespräch floss angenehm dahin. Wir freuten uns, gemeinsam Zeit zu verbringen. Doch plötzlich kippte bei meinem Freund die Stimmung. Da er an einer psychischen Krankheit leidet, war ich natürlich schon vorgewarnt, dass so etwas passieren kann. Von jetzt auf nachher, wollte er nach Hause, weil es ihm psychisch zu schlecht ging.

Ich zeigte ihm mein Verständnis und fragte nicht lange nach. Wir kehrten um, stiegen ins Auto, und ich fuhr übers Land zu ihm nach Hause. Während der Fahrt schwiegen wir. Nur kurz fragte ich nach, wie es ihm denn jetzt gerade gehe. Mit trübem Blick und mit belegter Stimme sagte er: „Nicht so gut.“ Dann schwieg er wieder und schaute aus dem Beifahrerfenster.

Eine stille Hilfe

Viele Menschen haben im Umgang mit kranken Menschen Probleme, weil sie erfahren, dass ihre gutgemeinten Ratschläge nicht (mehr) ankommen. Sie fühlen sich gegenüber Kranken selbst ohnmächtig und ausgeliefert. Doch ich erfuhr mit meinem Freund etwas ganz anderes. Denn es gibt auch eine Hilfe, die ohne Worte auskommt. Wo man einfach nur präsent ist. Wo man im stillen Gebet an den anderen denkt und ihm viel Kraft wünscht, damit er sein Kreuz in dieser Situation jetzt tragen kann.

Glanz und Schmach

Ich entschloss mich dazu, meinen Freund im stillen Gebet zu unterstützen, und musste an Jesus denken. Auch von ihm gibt es im Evangelium Stellen, wo er in all seiner Herrlichkeit erstrahlt, – so wie mein Freund vorher im Gespräch mit mir beim Spazierengehen, – und dann gibt es da die Passion Christi, wo Jesus vollkommen entstellt wird. Es gibt also zum einen das helle Licht in dem wir Menschen scheinen, und dann die dunklen Stunden unserer Bedrängnis. Beides kannte Jesus nur zu gut.

Berg Tabor

Während der stillen Fahrt, dachte ich an Jesus, wie er auf Berg Tabor verklärt wurde. Bei Markus Kapitel 9 lesen wir, dass Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg führte. Plötzlich wurde er vor den drei Jüngern verwandelt. „Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“ (Mk 9,3). In dieser Herrlichkeit in der Jesus erscheint, spricht eine Stimme aus einer Wolke, die sie überschattet: „Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7).

Jesus, ein Mensch nur für Erfolgsfreunde?

Diese Stelle fällt sicherlich vielen leicht. Jesus, der Retter, der Starke, der König, der Herrscher, strahlend weiß in seiner Huld. Ein Erfolgsmensch, durch und durch. Doch was, wenn der Erfolg wegbleibt? Wie viele sind dann noch an seiner, an deiner, an meiner Seite? Erfolgreiche Menschen, attraktive und sportliche Menschen sind immer nett anzusehen, aber wo sind die „Erfolgsfreunde“ wenn nichts mehr gerade läuft? Und wir auf krummen Wegen in Seenot geraten?

Dann bekommen wir Kraft aus dem Evangelium, aus der Passion Christi.

Jesaja schreibt:

Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht (53,3).

Jesus kennt unsere Sorgen. Er selbst hat sie in seinem irdischen Leben durchlebt. Wir sind also nicht alleine. Jesus trägt unser Kreuz mit.

Geborgen in Gottes Hände

Uns modernen Menschen ist ja die Selbstbestimmung sehr wichtig. Wir wollen auf vieles eine Antwort haben. Wir wollen entscheiden und nach einem „Fünfpunkte-Plan“ handeln. Und das ist natürlich gut und auch sehr menschlich. Was aber, wenn alles gesagt ist? Wenn es keine umsetzbaren Pläne mehr gibt? Wenn vielleicht sogar die Hoffnung versiegt ist? Was tun wir, wenn das Leiden noch da ist? Vielleicht durchlebst du Situationen, in denen Worte nichts mehr ändern können und Missverständnisse sich nicht mehr klären lassen?

Dann dürfen wir unser Leiden in die Hände Gottes geben, auch bzw. besonders, wenn wir es nicht erklären können.

Der richtige Blick: Wer bist du?

Ich machte mir auf der Fahrt klar, dass auch mein Freund in seiner psychischen Notsituation, in seiner persönlichen Passion nicht von seinem Leiden definiert wird, sondern von seiner Identität als ein geliebtes Kind Gottes. Genau wie Jesus, der sich nicht von der gewaltsamen Willkür der Menschen bestimmen ließ, sondern der sich von der Liebe des Vaters getragen wusste. Selbst dann noch, in der größtmöglichen Gottverlassenheit.

Die Passion Jesu beginnt

Nach seiner Verhaftung führte man Jesus zum Hohepriester Kajaphas, bei dem sich die Schriftgelehrten und Ältesten versammelt hatten. Der ganze Hohe Rat bemühte sich um falsche Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tode verurteilen zu können. Sie fanden aber nichts.

Als es dem Hohepriester zu bunt wird, fragt er Jesus direkt: „Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?“ (Mt 26,62). Jesus aber schwieg.

Jesu Schweigen

Manchmal ist alles gesagt worden, alle gutgemeinten Ratschläge gesprochen worden, und wenn das Leiden dennoch bleibt, dann braucht es Menschen, die an unserer Seite unsere Ohnmacht mittragen.

Bei Jesaja 53,7 lesen wir vom Schweigen Jesu:

Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf. 

Hohn und Spott beim Hohen Rat

Nachdem Jesus vor dem Hohen Rat bekannte, dass er der Christus ist, spuckten sie ihm ins Gesicht, schlugen und ohrfeigten ihn und fragten ihn: Christus, du bist doch ein Prophet, sag und: Wer hat dich geschlagen?“ (Mt 26,67).

Der Ältestenrat des Volkes, die Hohepriester und die Schriftgelehrten erhoben sich, nachdem sie Jesus für schuldig erklärten, und sie führten Jesus zu Pilatus. Sie beschuldigen ihn, das Volk zu verführen und es davon abzuhalten, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Was natürlich so nicht stimmte.

Hohn und Spott bei Pilatus

Bei Markus lesen wir vom Verhör bei Pilatus. Die Hohepriester brachten viele Anklagen gegen ihn vor. Da wandte sich Pilatus an Jesus und fragte ihn: „Willst du denn nichts dazu sagen? Sieh doch, wie viele Anklagen sie gegen dich vorbringen“ (Mk 45,4).

Jesus aber schwieg und er gab Pilatus keine Antwort, sodass Pilatus sich wunderte. Wieder das Schweigen Jesu. Hier der Hinweis, dass Jesus nichts mehr sagte, um sich zu verteidigen. Die Ohnmacht scheint zu siegen.

Doch da Pilatus merkt, dass Jesus nicht in die gängigen Vorstellungen eines Aufständischen passt, findet er keine Schuld an ihm. Er versucht sich aus der Verantwortung zu stehlen und sendet Jesus – nachdem er erfährt, dass Jesus ein Galiläer ist und somit in das Herrschaftsgebiet des Herodes fällt – zu Herodes, der in diesen Tagen ebenfalls in Jerusalem ist.

Hohn und Spott bei Herodes

Herodes hatte schon viel von Jesus und seinen Wundern gehört, und freute sich Jesus zu sehen. Er hoffte, von ihm ein Zeichen zu sehen. Er war neugierig und stellte viele Fragen. „Doch Jesus gab ihm keine Antwort“ (Lk 23,9). Jesus schwieg.

Wie es einem narzisstischen Herrscher wie Herodes entspricht, zeigten er und seine Soldaten ihre offene Verachtung für den schweigsamen Jesus. Sie trieben ihren Spott mit Jesus, ließen ihm ein Prunkgewand umhängen und schickten ihn so zu Pilatus zurück.

Ecce homo!

Pilatus lässt Jesus geißeln. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen, setzten sie ihm auf den Kopf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie spotteten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ (Joh 19,3).

Sie schlugen ihm mit einem Stock auf den Kopf, bespuckten ihn, knieten vor ihm nieder und spielten so, als huldigten sie ihm.

Was wurde Jesus angetan? Was hat Jesus da für uns erlitten? Von ihm kommt aber kein Wort der Klage, nur Schweigen. Können wir auch hier sehen, wie majestätisch Jesus ist? Wie er alles neu macht? Wie fest er in seiner Sohnidentität gegründet ist, obwohl er von Gott verlassen scheint? In dieser Schande, in diesem tiefsten Leiden blitzt für mich die Herrlichkeit Gottes durch.

Als Pilatus Jesus nochmal fragt: „Woher bist du?“ Gibt Jesus keine Antwort. Er schweigt wieder. Das Todesurteil ist gefällt.

Nach der Dunkelheit kommt das Licht

Doch als Christen wissen wir, dass nach der Kreuzigung die Herrlichkeit der Auferstehung kommt. So dürfen wir erkennen, dass das Schweigen Jesu und sein Tod nicht das Ende der Geschichte ist. Denn nach dem vermeintlichen Schweigen Gottes, kommt sein gewaltiges Machtwort: die Auferstehung. Gott zeigt sich, in seiner Allmacht. Er äußert sich nach dem Schweigen Jesu, was ER zu sagen hat. Er hat Jesus nie verlassen und Gott verherrlicht seinen Namen, denn „er [Jesus] war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich […] Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verlieben, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,6-11).

Das tiefste Gebet

Gott wirkt auch da, wo du nichts mehr sagen kannst: in deinem Schweigen. Vertraue darauf, dass Gott das letzte Wort hat und dir nach deinem „Leidensmarathon“ den Siegeskranz aufsetzt. Das innigste Gebet ist möglicherweise kein Gebet der vielen Worte, sondern ein stilles Aushalten im Schmerz vor Gott, ein Seufzen. Dort ist Jesus uns am nächsten.

Wie wir helfen können

Als ich meinen Freund daheim bei sich absetzte, bedankte er sich mit einem Lächeln und sagte:  „Danke, dass du mich verstehst.“ Manchmal ist ein gemeinsames Durchtragen der Probleme wichtiger, als kluge Worte. Es kommt dann darauf an, miteinander das Schwere zu tragen. Wir können für den anderen beten, dort wo er nichts mehr sagen kann. Eben in seiner Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Wir können mit Verständnis, mit einer liebevollen Berührung, mit einem Stoßgebet oder mit Tränen und Seufzen auf seinen Schmerz reagieren.

Wenn du in eine ähnliche Situation kommst, wie ich mit meinem guten Freund, dann kannst du in den Nöten deiner Mitmenschen, Jesus in seiner glorreichen Verklärung und in seiner Passion zur gleichen Zeit sehen. Das kann eine geistliche Übung werden. In beiden Extremen blitzt die Herrlichkeit Gottes durch. Das eine Mal sehr offensichtlich, das andere Mal tief verborgen. Du weißt nun, dass Jesus in guten wie in schlechten Zeiten da ist, weil er alle menschlichen Gefühle selbst durchlebt hat. Jesus trägt dein Kreuz mit.

Prüfe alles! Behalte das Gute!

Ad maiorem dei gloriam.