Jesus, so geht das nicht weiter! Eine Kurzgeschichte

Auszug aus meinem Roman Man nennt mich Rattenkönig

An einem heißen, sonnigen Juliabend zeigte sich die traditionsreiche Kurstadt von einer ihrer schönsten Seiten. Der Rosengarten, der ihr den Beinamen „Rosenstadt“ verliehen hatte, blühte in seiner ganzen Pracht und bot zahlreichen Touristen ein willkommenes Fotomotiv.

Im Kurpark ließen Einheimische und Kurgäste den Tag mit einem Sonnenbad ausklingen, während am Flussufer Kinder fröhlich im warmen Wasser plantschten. Um den Konzertsaal sammelten sich derweil Damen und Herren in Abendgarderobe, denn die umjubelte sommerliche Konzertreihe bot in einer Mischung aus Klassik und Jazz auch ein eindrucksvolles Musikprogramm mit weltbekannten Pianisten und Violinisten zu bezahlbaren Preisen.

Doch es gab eine Unruhe in dieser gesitteten Stadt, in der alles immer seine Ordnung hatte: Ein neuer Bewohner war plötzlich aufgetaucht, ohne festen Wohnsitz, und hatte sein Zelt mitten im Kurpark aufgeschlagen. Woher er gekommen war, wusste niemand so recht, und der Stadtverwaltung galt er bald als ein öffentliches Ärgernis, da er sich nicht ohne weiteres vertreiben ließ. So forderten ihn eines Morgens Polizeibeamte auf, sein kleines Zelt im Kurpark zusammenzuräumen und in die Au zu verlegen, wo er zumindest keine Reha- und Kurgäste mehr belästigen würde.

Bei dem Eindringling handelte es sich um niemanden weniger als den christlichen Religionsstifter Jesus von Nazareth. Mit nacktem, gebräuntem Oberkörper trieb er sich barfuß in der Fußgängerzone herum und fragte sich, was in dieser modernen Inkarnation seine Aufgabe sei. Als publikumswirksamer Lehrer wollte er nicht wieder tätig sein. Genug war er im Rampenlicht gestanden, damals, zu Pontius Pilatus‘ Zeiten, und hatte einiges an Schmerzen ertragen müssen. Da genoss er jetzt lieber seine Anonymität.

Stundenlang saß er im Innern der Stadtpfarrkirche, nahe den spitz zulaufenden Bögen im neugotischen Stil, und starrte auf sein Abbild am Kreuz hoch über dem Altar. „Du, Jesus, sag mal, wo hat eigentlich alles begonnen schiefzulaufen?“, fragte er sein Ebenbild und fuhr sich durch das zottelige Haar.

Natürlich erhielt er keine Antwort. Vielleicht schwieg sein hölzernes Abbild, weil die Kirche sich über das Scheitern seiner Lehre nicht bewusst war? Dennoch richtete er sich erneut an das Kruzifix. „Sooft habe ich über die Nächstenlieben zu meinen Jüngern gesprochen. Doch die Menschen heute sind wie Fremde zueinander. Das soll mein Erbe sein? Und was ich erst recht nicht verstehe“, sagte er, „wie konnte es passieren, dass meine Worte benutzt wurden, um die Völker in Süd- und Nordamerika zu unterjochen? Und dann der Ausschluss der Frauen aus der Kirche! Wenn Magdalena das erführe!“

Wieder nur Stille. Verständnislos schüttelte Jesus den Kopf. „Sogar von ewiger Verdammnis und ewig währender Schuld sprechen die Kirchen im Zusammenhang mit meinem Namen“, sinnierte er, „er wird missbraucht, um Unterdrückung und Bevormundung der Gläubigen zu legitimieren.“

Jesus musste einsehen, dass alles umsonst gewesen war. In den Nächten im Zelt wurde er von grausamen Bildern gepeinigt: Er sah, wie alte, heilkundige Frauen ausgepeitscht wurden, an Stämme gebunden und das Reisig darunter mit Fackeln entzündet. Züge von Hunderttausenden Soldaten marschierten auf Jerusalem zu und metzelten alle nieder, die sich ihnen in den Weg stellten. Immer wieder wachte er schreiend auf, und am schlimmsten war: Er fühlte sich schuldig am ganzen Elend der Welt.

Am nächsten Tag wurde es mit diesen Gefühlen noch schlimmer, und er beschloss, Siddharta aufzusuchen, seinen obdachlosen Freund, der immer an derselben Stelle vor der Kirche saß und in der Kurstadt den Spitznamen „Sid“ trug. Der spürte sofort, in welcher Notsituation sich Jesus befand.

„Hallo, mein Freund! Wo drückt der Schuh?“

„Sid!“, antwortete Jesus erschöpft, „mein Herz ist schwer … meine Gedanken kreisen … mir fehlt der Appetit … jede Freude ist mir verloren …“

„Ich fühle mit dir“, sprach Sid verständnisvoll, „vielleicht kann dir eine Methode helfen, von der ich gehört habe und die ich selbst seit einiger Zeit anwende. Sie ist einfach, du beobachtest nur deinen Atem, mehr nicht. Wie er einströmt und wie er den Körper wieder verlässt.“

Neugierig setzte sich Jesus neben ihn auf den Gehsteig und übte sich im Atmen, so wie es sein Freund ihm beschrieben hatte.

Und tatsächlich: Nach wenigen Tagen spürte er, wie der innere Leidensdruck von ihm wich. Ja, der Versuch, seine Lehre des Mitgefühls zu verbreiten, war gehörig schiefgelaufen, musste er sich eingestehen. Aber war das sein Fehler? Was konnte er für den Dogmatismus seiner Nachfolger? Sein Licht durfte man nicht unter den Scheffel stellen, schließlich war bisher jede Lehre, und schien sie noch so vollkommen, missinterpretiert oder von Fanatikern für ihre eigenen Zwecke benutzt worden.

Nach fünf Tagen des gemeinsamen Meditierens fragte Sid ihn eines Abends: „Und, mein Freund? Wie geht es dir jetzt?“

„Die Übung hilft wirklich“, antwortete Jesus ganz still, „ich sehe vieles klarer … bin nicht mehr so getrieben von meinen Gefühlen …“

„Gut“, sprach Sid und riet ihm: „Lerne den Zustand der Welt zu akzeptieren und respektiere die Torheit der Menschen. Du bist nicht verantwortlich für deren Schlamassel“, fuhr er fort. „Die Menschen meinen, sie wüssten, wer Gott sei, und sind sich dabei selbst das größte Rätsel. Du wirst sie nicht verändern können, achte daher auf deinen Seelenfrieden!“

Jesus nahm den Rat dankend entgegen und wusste, dass er von einem Mann kam, der wie er der Stifter einer Religion war. Das war neben ihrer Armut das bindende Glied zwischen beiden und machte ihre Freundschaft zu etwas Besonderem.

Bald war der Sommer vorbei, ebenso der Herbst, und der Winter stand vor der Tür. Das Leben draußen in der Kälte war hart, aber Jesus und Sid richteten sich ein Quartier unter der Stadtbrücke ein. Im Schutz der Bögen wärmten sie sich an brennenden Tonnen, kuschelten sich in dicke Wolldecken. Ab und zu übernachteten sie bei Mohammed, einem Geflohenen aus Syrien. Auf dem Dachboden seines Hauses richtete er ihnen eine Unterkunft ein, und obwohl er ihnen anbot, den Winter über dauerhaft bei ihm zu wohnen, bestanden Jesus und Sid auf ihrem freien Leben auf der Straße.

Bei Pfefferminztee und Fladen philosophierten die drei leidenschaftlich über Gott und die Welt. In ihren Diskussionen ging es hitzig zu – nicht immer waren sie einer Meinung –, dennoch respektierten sie einander wie Brüder und gingen nie im Streit auseinander.

Trotz Sids gut gemeintem Rat kämpfte Jesus weiter. Denn dazu war er geboren, das war sein vorbestimmter Weg: sich aufzulehnen und gegen falsche Gottesbilder zu predigen. Das war damals wie heute seine Rolle gewesen.

Während der Christmette stürmte er in den Mittelgang der Stadtpfarrkirche. „Habt Erbarmen!“, schrie er, „habt Erbarmen“ und unterbrach den Pfarrer in seiner Weihnachtspredigt.

„Dieser Gottesdienst ist eine Farce …“, drehte sich Jesus zur Menge, „das soll mein Erbe sein, das ich euch vermacht habe? Merkt ihr denn nicht, wie sie euch zum Narren halten?“

Während der Pfarrer sich noch nervös umschaute, raunte Empörung durch den Kirchenraum, die Menge reagierte mit Entsetzen und Tumult. Derweil erkannten einige Jugendliche ihre Chance und filmten den verwirrten Mann mit ihren Smartphones. Andere spotteten: „Hosanna in der Höhe, da ist er, der König der Christen.“ Auch ältere Kirchenbesucher lachten. Als der Pfarrer endlich die Absicht des Mannes vor dem Altar begriffen hatte, ihm seine Rolle streitig zu machen, schrie er tobend von der Kanzel herab: „Was erlauben Sie sich? Haben Sie etwa Theologie studiert?“

Jesus sprach energisch dagegen: „Das theologische Gerede ist nichts weiter als ein Zeigefinger, der auf den Mond deutet! Niemals der Mond selbst. Jahrhundertelang habt ihr mit eurem Wahn die Menschen hinters Licht geführt und mich benutzt, das zu rechtfertigen! Damit ist jetzt Schluss.“

Der Pfarrer begann, etwas von „Glaubensdogmen“ und „Priesterweihe“ zu brüllen, kam aber nicht weit, sondern langte sich bald an sein schwaches Herz, das zu stolpern angefangen hatte. Der Kaplan eilte zu ihm, ihn zu stützen, doch der Pfarrer trug ihm auf, die Polizei zu verständigen, und so rannte der Kaplan in die Sakristei.

Jesus wollte aus der Kirche stürmen, doch zwei Männer stiegen aus einer der vorderen Bankreihen, packten ihn grob am Oberarm und hielten ihn fest. Während der Gottesdienst fortgesetzt wurde, brachten sie ihn aus der Kirche und warteten auf dem kleinen Kirchplatz auf das Eintreffen der Polizei, die zehn Minuten später vor Ort war und nach dem Störenfried fragte. Auch die kleine Jutta S. hatte sich neugierig mit nach draußen geschlichen. „Das ist der böse Mann, der uns Weihnachten verdorben hat“, sagte sie, während sie auf Jesus deutete. „… er ist unhöflich und stinkt!“

Daraufhin baten die Beamten Jesus ruhig, aber nachdrücklich, mitzukommen.

Traurig, mit hängendem Kopf, folgte er ihnen. Da er nun schon öfters durch sein pöbelndes, aggressives Verhalten auffällig geworden war, wurde er von den Beamten in die Bezirkspsychiatrie gebracht.

Als er dort am Abend müde auf seinem Bett lag, hörte er eine Stimme sprechen.

„Jesus?“ Überrascht setzte er sich auf.

„So geht das nicht weiter!“, sagte die Stimme.

Schnell begriff Jesus, wer da zu ihm redete.

„Bist du es, Heiliger Geist?“

„Ja! Ich bin es!“

„Was meinst du damit: So geht es nicht weiter?“, fragte Jesus.

„Deine Wut gegen die Welt macht dich noch kaputt!“

„Was soll ich tun, Heiliger Geist?“, erwiderte Jesus, ohne lange zu überlegen. „Ich finde meinen Platz einfach nicht in der Welt und fühle mich wie damals am Kreuz von Gott verlassen!“

„Gott hat dich nicht verlassen!“, versuchte der Heilige Geist ihn zu ermutigen.

„Wie aber kann er all das Leiden Unschuldiger in der Welt dann zulassen?“

„Ich weiß, Jesus!“, sagte der Heilige Geist, fast flüsterte er, „es ist nicht leicht zu verstehen, aber eines Tages wirst du begreifen, dass in Gottes Schöpfung alles gut ist und seinen richtigen Platz darin hat.“

„Du klingst müde, Heiliger Geist“, bemerkte Jesus erstaunt.

„Ja, in der Tat … So viele Dinge entfremden die Menschen heutzutage von ihrer Seele, da bin ich machtlos. Viele Herzen sind heute verschlossen und hart. Meine Stimme wird nicht mehr gehört, sie ist zu leise, ich bin einfach nicht mehr modern …“

„Da hast du recht!“, seufzte Jesus.

„Aber ich werde bis zum Schluss an euch festhalten, so wie es auch der Vater tut“, sprach der Heilige Geist und fand zu seiner Zuversicht zurück, die auch Jesus ansteckte.

„Frage dich nicht“, fuhr er mit wieder fester Stimme fort, „warum die Welt so finster scheint, sondern frage dich, wie du dein inneres Licht zu einem lodernden Feuer entfachst, an dem sich viele Menschen wärmen können. Und denke darüber nach, was du mit den Talenten anfängst, die dir der himmlische Vater auf deine Erdenreise mitgegeben hat, und welchen Beitrag du für eine bessere Welt leisten kannst …“

Da erinnerte sich Jesus, dass er Sid und Mohammed bei Rückenproblemen und Magenbeschwerden hatte helfen können, einfach indem er ihnen die Hände an den schmerzenden Stellen auflegte und ein Gebet sprach. Mit dieser Gabe könnte er sicherlich vielen Menschen helfen …

„Du hast recht überlegt“, sagte der Heilige Geist, der die Gedanken Jesu jederzeit erkannte. „Du hast begnadete Hände, um die ein Physiotherapeut dich beneiden würde …“

Jesus dachte nach. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und der Heilige Geist hatte ihn auf eine Idee gebracht. In der Physiotherapeutenpraxis um die Ecke hing ein Plakat, auf dem für zwei Ausbildungsplätze geworben wurde. Das wäre doch was!

„Ich danke dir, Heiliger Geist.“

„Keine Ursache, ich helfe gern, bis bald!“

 Glücklich verließ Jesus sein Zimmer und begab sich in den hellen Gang, auf dem in der Vorbereitung des Abendessens schon rege Betriebsamkeit herrschte. Pfleger fuhren Tablettwagen mit Tellern vor sich her.

Er betrat den Speisesaal, wo die Krankenpfleger gerade die Tabletts auf die Tische legten. Jesus bot ihnen seine Hilfe an.

„Sehen Sie! So geht’s auch! Nicht immer nur wütend sein. Sie sind doch so ein netter junger Mann!“, sagte Schwester Magdalena, die junge hübsche Krankenpflegerin, und sie blinzelte Jesus zu. Irgendwie war sie ihm sehr vertraut und weil es ihm ganz warm ums Herz wurde, wenn sie ihn anschaute, beschloss er, sie auf einen Abendspaziergang im nahegelegenen Schlosspark einzuladen. Das Leben war viel zu kostbar, es verbittert und griesgrämig zu vergeuden. Jesus war bereit, seines zu ändern. Er wollte Physiotherapeut werden, um Menschen in ihren Leiden beizustehen. Er wusste, dass die Welt ihn jetzt mehr denn je brauchte.

Mit einem Lächeln setzte er sich auf seinen Platz. Er musste an den Heiligen Geist denken, der ihm den entscheidenden Impuls zum Neuanfang gegeben hatte.

Und während Jesus diesem Gedanken nachhing, flog eine Taube am Fenster vorbei, setzte sich auf eine Antenne am gegenüberliegenden Häuserdach und gurrte zufrieden vor sich hin.

Jesus lächelte und flüsterte leise: Ich danke dir, mein treuer Freund!