Wie man die dunkle Nacht durchschreitet

Immer wieder gelangen wir in unserem spirituellen Leben an Grenzen. Eine ebensolche Grenze ist die dunkle Nacht der Seele, ein geniales Konzept voller Weisheit, das aus der christlichen Spiritualität kaum mehr wegzudenken ist. Erdacht wurde diese Anschauung vom spanischen Karmeliten Fray Juan de la Cruz – Bruder Johannes vom Kreuz (1542–1591).

Ein langer Weg

Juan de la Cruz lebte ganz und gar aus der innerlichen, persönlichen Beziehung zu Gott. Er wusste, dass wir uns als Menschen ständig in einem Prozess hin zu Gott entwickeln. Auf diesem Weg begleiten uns Sehnen, Suchen, Ringen und Streben, was Juan als „Umformung in Gott hinein“, als „transformación en Dios“[1] bezeichnete.[2]

Gott der Unbekannte

Gott bleibt dabei immer ein Geheimnis. Er ist verborgen und doch gegenwärtig. Die Bhagavad Gita, jene mystische Versdichtung über Leben, Tod, Liebe und Pflicht aus dem indischen Raum, drückt das Geheimnis Gottes so aus:

Weder die Götter noch die großen Weisen kennen meinen Anfang wirklich. Da ich Ursprung von ihnen allen bin, ist und bleib ihnen meine Herrlichkeit nur zum Teil bekannt. Wie Kinder, die sich wiederholt nach der Herkunft ihrer Eltern erkundigen, gelangen sie nie zu einem vollen Verständnis, ganz gleich, wie eindringlich sie nachforschen (Gita 10,2) [3]

Zum Geliebten rufen

Fray Juan ist es wichtig, diesen Gott liebevoll anzusprechen, nicht als ein nüchternes „Ich glaube an Gott“, sondern vielmehr als ein leidenschaftliches: „Ich glaube an Dich, Gott, Geliebter!“[4]

Zusammen sind wir stark

Kontemplation heißt für Juan: alles mit Gott zu erleben. Das Zweifeln, Fragen, Staunen, Glauben und Leiden. Einfach alles mit Gott teilen und erleben. Das ist die große Freude, die jeder Christ erleben darf: Wir sind auf unserem Weg nicht alleine. Aus einem einsamen Sólo-Ich wird ein gemeinsames Wir.

Finsternis und Dunkelheit

Juan unterscheidet diese beiden Formen. In der Finsternis, so wie er sie definiert, hat der Mensch keinerlei Beziehung zu Gott. Anstelle der inneren Ich-Du-Beziehung zum dreifaltigen Gott, ist das Sólo-Ich getreten, das aus sich alleine heraus leben will.[5]

Wie beschreibt Juan de la Cruz nun die Dunkelheit?

Die Dunkelheit ist Gottesbeziehung

Der Mensch kann durch die Gnade Gottes tiefe, mystische Gotteserfahrungen machen. Diese sind vergleichbar mit dem Licht der Sonne. Wenn ich nun in die Sonne schaue, sind meine Augen nicht an ein solches Licht gewöhnt, also werde ich geblendet und erfahre als Folge Dunkelheit.

Gott bleibt unbegreiflich

Für einen kurzen Moment, hat sich Gott dem Glaubenden in all seiner Herrlichkeit gezeigt. Welch ein großartiger Moment! Welch erleuchtender Augenblick! Doch weil unser Verstand mit der Unendlichkeit und Unbegreifbarkeit Gottes nicht mithalten kann, entwickeln wir nach einer solchen Erfahrung depressive Gefühle, weil diese Ekstase nicht dauerhaft ist. Der Suchende möchte möglichst immer eine solche „Gipfelerfahrung“ erleben. Da jedoch unser Gebetsalltag so nicht funktioniert und wir als Menschen gerade mit dem Alltäglichen, Banalen leben müssen, ist es verständlich, warum wir mit Frust und Verzweiflung reagieren.

Fray Juan schreibt dazu:

Gott zieht den Menschen für gewöhnlich im Geist auf und verwöhnt ihn, wie es eine liebevolle Mutter mit einem zarten Kind macht. Sie wärmt es an ihrer warmen Brust, zieht es mit köstlicher Milch und leichten, süßen Speisen auf, trägt es auf dem Arm und verwöhnt es.[6]

Gott ist die Liebe

Warum folgt dann die dunkle Nacht? Welche Absichten könnte Gott damit verbinden? Lesen wir dazu wieder Juan:

Es ist die mütterliche sorgende Liebe Gottes, die den Menschen ins Dunkel führt. Die Mutter hört, in dem Maße, wie das Kind größer wird auf, es zu verwöhnen, verbirgt ihre zarte Liebe. Sie lässt das Kind von den Armen herab und stellt es auf die eigenen Füße und dies aus gutem Grund: Es soll die Eigenheiten eines Kindes verlieren und sich größeren, wesentlicheren Dingen hingeben …[7]

Die reife Seele

Hier ist also von einem Prozess des Erwachsenwerdens die Rede. Wir werden – wenn wir die dunkle Nacht der Seele durchleben und durchstehen – reifer. Darum scheint es Juan de la Cruz zu gehen: Um einen Reifungsprozess. Die dunkle Nacht ist eine hochspirituelle, kontemplative Gotteserfahrung. Sie läutert und macht reif.

Die Erfahrung der Nacht

Viele Seelsorger raten, „die dunkle Nacht anzunehmen, sie geschehen zu lassen […] und sie aktiv zu durchleben“.[8] Aktiv heißt, das eigene Innere Gott vollständig hinzuhalten.

Der Betroffene lernt, dass Gott ganz anders ist, als er dachte. Gott lässt sich eben nicht in ein enges Korsett sperren. Vielleicht ist das eigene Gottesbild nicht mehr tragfähig, ist zu kindlich.[9] Der Betroffene lernt auch, dass es bei Gott nicht auf außergewöhnliche Visionen und Erfahrungen ankommt. Es kann wichtig sein, nur zu glauben, wie schon Paulus im zweiten Korintherbrief Kapitel 5 Vers 7 schreibt: „… denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende.“

Im Schmerz ausharren

Glauben heißt jetzt: auch im Dunkel und im scheinbar völligen Gottes-Entzug Gott treu bleiben; wenn selbst der Schrei aus tiefster Verlassenheit in der Dunkelheit verhallt und von Gott nur Schweigen kommt, alles auf die Karte „Du bist da!“ setzen; einverstanden sein mit der Situation eines liebenswund Wartenden; bereit sein, den möglicherweise bis zum Zerbersten von Seele und Geist anwachsenden Sehnsuchtsschmerz aushalten.[10]

Die dunkle Nacht als Prüfung

Wenn ich standhaft im Glauben bleibe, wenn ich Gott im Dunkel die Treue beweise, dann wachse ich im Glauben und: Ich werde reif! Eines ist sicher: Alles ändert sich beständig. Die dunkle Nacht herrscht nicht ewig vor. Genauso wie am nächsten Morgen die Sonne wieder scheint, werde ich wieder an Gottes Herrlichkeit meine Freude finden und meinen Anteil an ihr haben.

Es gibt immer Hoffnung

Auch Jesus hat am Kreuz tiefste Hoffnungslosigkeit durchlebt, wenn er schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Doch die Not Jesu hielt nicht ewig an. Nach dem Kreuztod – der mit Sicherheit schrecklich war – kommt der Segen der Auferstehung. Jesu wird für seine Demut vor Gott und für seinen Dienst am Menschen reichlich belohnt.
Die Auferstehung ist ewiglich und der Kreuztod nur von sehr kurzer Dauer. Jesus durchschreitet auch die dunkle Nacht des Todes, hinein ins helle Licht der Auferstehung.

Auch David singt: „Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe“ (Ps 22,3). Doch im fortlaufenden Text weicht die Hoffnungslosigkeit des Psalmisten. Er klingt mutig und zuversichtlich, wenn er im gleichen Psalm schreibt: „Du hast mir Antwort gegeben … Denn der Herr hat nicht verachtet … Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er [der Elende] zu ihm schrie (Ps 22, 22.25).

Gott zeigt sich dem Geduldigen

Mit jeder durchstanden Prüfung, offenbart sich Gott mehr und mehr. Im Durchstehen dieser Momente, im Standhaftbleiben im Glauben, spricht mir Jesus die Bibelworte zu: „Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet” (Mt 24,13).

Je mehr Gott sich offenbart, desto weiter komme ich auf dem Glaubensweg voran. Vielleicht kann der Gläubige in der dunklen Nacht der Seele erkennen: Es geht nicht um meinen Willen, dass ich die Dinge so oder so haben möchte. Im Grunde ist das Dunkel transformierend, denn das Bild, das wir von Gott haben, wird gereinigt, geläutert und passt sich der Wirklichkeit an. Die dunkle Nacht ist in Wahrheit unser größter Freund. Solange gehen wir durch dieses Feuer, bis Gott eines Tages unser ständiger Begleiter sein wird, genau dann, wenn wir in Gott erwachen.

Am Ende ein Gedicht aus der Feder von Fray Juan de la Cruz:

Nichts soll dich verstören,

nichts dich erschrecken,

alles vergeht,

Gott ändert sich nicht.

Geduld erlangt alles;

Wer Gott hat, dem fehlt nichts.

Gott nur genügt (Sólo dios basta)

Ich wünsche mir, dass Du dir ein Licht im Dunklen bewahrst. Dieses Licht scheint in Deinem Herzen. Suche Gott dort!

Genieße die Nacht! Denn durch sie erfährst Du Gott, den Geliebten.

Quellen:

[1] Johannes vom Kreuz: Aufstieg I 4,3 und öfter, zitiert nach Körner, Reinhard: Dunkle Nacht: Mystische Glaubenserfahrung nach Johannes vom Kreuz, 3. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2015, S. 23.

[2] Vgl. Körner, 2015, S. 23.

[3] Hawley, Jack: Bhagavad Gita: Eine zeitgemäße Version für westliche Leser, 14. Aufl., München, Deutschland: Goldmann, 2002, S. 137.

[4] Vgl. Körner, 2015, S. 24.

[5] Vgl. ebd. S. 37.

[6] Johannes vom Kreuz: Die dunkle Nacht 1,2, zitiert nach Körner, 2015, S. 38-39.

[7] Ebd.

[8] Körner, 2015, S. 69.

[9] Ebd. S 71.

[10] Körner, 2015, S. 71.

Literaturverzeichnis:

Hawley, Jack: Bhagavad Gita: Eine zeitgemäße Version für westliche Leser, 14. Aufl., München, Deutschland: Goldmann, 2002.

Körner, Reinhard: Dunkle Nacht: Mystische Glaubenserfahrung nach Johannes vom Kreuz, 3. Aufl., Münsterschwarzach, Deutschland: Vier-Türme-Verlag, 2015.